"Wenn Du Dein Herz lebendig halten und mit ihm in Fühlung bleiben möchtest,
dann erlaube Dir ein kreatives Leben"
Safi Nidiaye
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von Katrin Stelter,
erschienen im Tanz- und Musikjournal, in Freiburg, Dezember 2000
Die Idee
Jeder ist ein Tänzer/in. So lautet die Philosophie Anna Halprins,
einer bedeutenden Pionierin der Tanzwelt mit internationalem Ruf als Lehrerin
und Performerin, die die heilsame Kraft des Tanzes neu entdeckte. Lange
Zeit war sie in Europa fast bekannter als in ihrer Heimat, den USA, getreu
dem Motto, das der Prophet im eigenen Land nicht viel zählt. Erst
auf ihre "alten Tage" erhielt sie auch in den USA offizielle
Anerkennung: 1997 auf dem American Dance Festival erhielt sie die Auszeichnung
für ihre Leistungen als hervorragende Meisterlehrerin und 1998 für
ihr Lebenswerk als Tänzerin, einer der bedeutensten Preise, in diesem
Feld.
In Freiburg war sie in den Jahren 1994 bis 97 in verschiedenen Workshops
als Gastlehrerin tätig. Die Faszination ihrer Arbeitsweise haben
einige Leser dort vielleicht bereits erlebt. Anna Halprin hat ihr Leben
lang getanzt und tut es auch heute noch mit einnehmendem Charme und grosser
Ausstrahlung zum Beispiel auf ihrer Retrospektive-Performance in San Francisco
anlässlich ihres 80. Geburtstages im Sommer 2000.
In allen Phasen ihres Leben - als Tänzerin, Choreographin und Tanzpädagogin
- folgte Anna Halprin der Vision, Leben und Kunst im Tanz wieder zu verbinden.
Diese Vision war gelebte Realität in früheren Kulturen. Die
Trennung zwischen Kunst und den Aktivitäten des täglichen Lebens
existierte dort nicht. Es wurde gesungen, Geschichten erzählt, rituelle
Tänze veranstaltet. Mit ihrer Methode "Life Art Process",
die sie über die letzten 50 Jahre hinweg entwickelte, möchte
sie diese kreativen Ausdrucksmittel wieder jedem Einzelnen für sich
persönlich und in der Gemeinschaft mit Menschen zugänglich und
nutzbar machen, den Tanz wieder zu einem Teil des Alltags werden lassen.
Tanz ist die Mutter aller
Künste
Das besondere am Tanz ist seine integrierende Wirkung "Dance seems
particularly important because it can engage all the arts: movement, drawing,
dance, writing music and Drama. "Dance has a highly integrative nature"
(A. Halprin: Dance as a healing art). Auf einzigartige Weise wird mit
fließenden Übergängen zwischen den verschiedenen Ausdrucksmitteln
(Bewegung/Tanz, Malen und kreatives Schreiben) gewechselt und die bewußte
Wahrnehmung für die drei Ebenen des Bewußtseins (physisch,
emotional, mental) trainiert. Tanz, Bewegung weckt mehr als nur den Körper:
Gedanken, Gefühle und Bilder tauchen auf, verändern sich im
Malen, Worte blitzen auf, fügen sich zu Sätzen, die sich zu
Geschichten verdichten können. Gelingt es, sich diesem Fluss hinzugeben,
verschwinden Gedanken wie "ich kann nicht malen, tanzen oder schreiben"
und die eigene Kreativität, die Freude und Befriedigung am Ausdruck
kann erblühen. Wichtige Voraussetzung dafür ist, eine vertrauensvolle,
spielerische Atmosphäre, die frei von Bewertung ist, was zählt
ist Wachheit und Aufmerksamkeit für das Erleben im Augenblick. Diese
Arbeit läßt Kraftquellen, die oft nur blockiert sind, wieder
sprudeln und es können neue Möglichkeiten des Handelns für
den praktischen Alltag entdeckt werden.
Die Entwicklung der Methode:
Life-Art-Process
1920 geboren studierte Anna Halprin Tanz u.a. bei Martha Graham, Doris
Humphrey und Charles Weidmann. An der Universität Wisconsin diplomierte
sie in Tanz bei Margaret H'Doubler. In den 40er Jahren begann sie an der
Ostküste der USA ihre Karriere als Tänzerin des Modern Dance
und machte sich einen Namen am Broadway. Trotz ihres Erfolges befriedigte
sie die zunehmende Stilisierung dieser Tanzform nicht mehr. Sie wurde
dem ursprünglichen Anspruch, der Lossagung von den überlieferten
Formen des Balletts, ihrer Meinung nach nicht mehr gerecht. A. Halprin
begab sich auf die Suche nach authentischem persönlichem Ausdruck
im Tanz. An der Westküste der USA, wohin sie nach Kriegsende mit
ihrem Mann Lawrence Halprin, einem weltbekannten Landschaftsarchitekt,
übersiedelte, war sie mit diesen Gedanken eine echte Pionierin. Die
Moderne Tanzentwicklung fand damals v.a. an der Ostküste statt. In
dieser Abgeschiedenheit begründete sie, ihre ganz eigene künstlerische
und tanzpädagogische Arbeit. Im Tanzunterricht von Kindern begann
sie mit Malen zu experimentieren und entdeckte, wie fließend und
spielerisch das Wechseln von Bewegung zum Malen und umgekehrt sein kann.
In den 50er Jahren gründete sie die Company San Franciscos Dancer´s
Workshop, in der sie ganz bewußt auch mit nicht professionell ausgebildeten
Tänzern arbeitete. Musiker, Therapeuten, Architekten und bildende
Künstler trafen zusammen. Befreit von der Form eines bestimmten Stils
waren die Bewegungen erfüllt von ihrer eigenen Erfahrung und erlaubten
den Tänzern ihre persönliche Geschichte, Bilder und Gefühle
in die Bewegung einfliessen zu lassen. Sie begann, auch mit ihnen Malen,
Zeichnen sowie kreatives Schreiben und Theatertechniken zu nutzen, um
diesen Prozess zu intensivieren. In dieser Phase stand sie im kreativen
Austausch mit Fritz Perls (Begründer der Gestalttherapie), der die
Arbeit mit ihrer Company begleitete. Fritz Perls sieht in der bewußten
Wahrnehmung der Hier-und-jetzt-Situation die Heilungs-möglichkeiten
des Menschen. Diese Wahrnehmung und das "In-Kontakt-Sein" mit
inneren Prozessen in der Bewegung lernte Anna Halprin für den künstlerischen
Ausdruck zu nutzen. Dieser Bewegungsausdruck integriert den Körper,
mit den Bildern, Gedanken und den Gefühlen jetzt im Augenblick und
wurde zu einem grundlegenden Prinzip ihrer Arbeitsweise. Dabei stellte
sie fest, dass zwischen blockierten Lebensprozessen und blockierten künstlerischen
Prozessen ein starker Zusammenhang besteht.
Anna Halprin:
"`In my approach to dance art grows directly out of our lives. Whatever
emotional, physical or mental barriers that we carry with us in our personal
lives will be the same barriers that inhibit full creative potential.`"
( Ulla Schorn: Anna Halprin´s "Life-Art-Process", Jahrbuch
Tanzforschung Nr. 10, 2000)
Entwicklungsschritte im Leben werden sich also in der Kunst ausdrücken,
und die künstlerisch kreative Arbeit kann umgekehrt Einfluß
auf andere Lebensbereiche haben, z.B, heilsame Prozesse anregen.
Die heilsame Kraft
Die Heilkraft des Tanzes und der Kunst - z.B. bei Krebs und Aids:
In den 70er Jahren begann Anna Halprin in der Auseinandersetzung mit ihrer
eigenen Krebserkrankung die heilenden Aspekte des Tanzens und kreativer
Prozesse, die sie in ihrer bisherigen Arbeit entdeckt hatte, weiter zu
erforschen und zu nutzen. 1972, als sie in einer ihrer Unterrichtsstunden
ein Bild von sich malte, beunruhigte sie ein grauer Klumpen, den sie in
den Unterleib ihres Selbstbildes plaziert hatte. Sie spürte Widerstand,
dieses Bild, wie sie es sonst ganz selbstverständlich tat, in Bewegung
umzusetzen. Beunruhigt darüber, suchte sie einen Arzt auf, der die
Diagnose Unterleibskrebs stellte. Sie mußte operiert werden, konnte
über ein Jahr nicht tanzen und zog sich für die nächsten
20 Jahre aus der Bühnenkarriere zurück. Drei Jahre später
kam der Krebs wieder, sie wollte Ihr Schicksal nicht allein den Ärzten
überlassen und kreierte ein Heilungsritual. Nachdem sie ein lebensgroßes
Selbstportrait gemalt und diesmal ganz bewußt getanzt hatte in Anwesenheit
von Freunden und Angehörigen als Zeugen (sie nannte sie nicht mehr
Zuschauer), erfolgte eine Spontanheilung. Spätestens nach diesem
Ereignis war sie überzeugt von der Heilkraft des Tanzes und sah ihre
Aufgabe darin, diese für die moderne westliche Welt zurück zu
erobern und die von ihr entwickelten Techniken weiterzugeben.
Sie begann mit Krebs- und Aidspatienten zu arbeiten. Indem diese Menschen
Gelegenheit bekommen, ihre Gefühle und zum Teil destruktiven Gedankenmuster
wahrzunehmen und im kreativen Ausdruck zu verändern, setzen sie sich
kreativ mit ihrer Krankheit auseinander und fühlen sich häufig
weniger ausgeliefert. Sie können sich wieder eine positivere Lebenseinstellung
erarbeiten, die zur Heilung beitragen kann und auf jeden Fall die Lebensqualität
verbessert. Tatsächlich wird - so wissenschaftliche Begleitstudien
- das Immunsystem durch diese Arbeit gestärkt.
Das Tamalpa-Institut
Mitte der 70er Jahre gründete Anna Halprin mit ihrer Tochter Daria
Halprin nördlich von San Francisco in Marin Count das Tamalpa-Institut.
Benannt wurde es nach dem für die Indianer heiligen Berg Mount Tamalpais
"schlafende Prinzessin" an dessen Hang das Ausbildungsinstitut
liegt. Es werden Trainingsprogramme von mehreren Monaten bis zu zwei Jahren,
sowie Sommerkurse und Workshops angeboten.
Mutter und Tochter stehen für die zwei Pole der Methode: Kunst und
Therapie. Anna Halprin blieb, trotz ihres starken Glaubens in die heilenden
Kräfte, steht´s in erster Linie dem künstlerischen Ausdruck
im Tanz verbunden, sie bezeichnete sich nie als Therapeutin. Erst ihre
Tochter, ausgebildete Tänzerin und Gestalttherapeutin, entwickelte
aus der praktischen künstlerischen Arbeit Theorien, Methoden und
Prinzipien, die den "Life Art Process" zu einer auch für
die therapeutische Arbeit nutzbaren Methode werden lassen. Es kann sowohl
mit Gruppen als auch mit Einzelpersonen gearbeitet werden. Im Feld der
"Expressive Arts Therapy" gilt die Halprin Methode heute als
die am stärksten in der Bewegung und im Körper verwurzelte Arbeitsweise.
Das Tamalpa-Institut ist Mitglied der International Expressive Arts Therapy
Association. Auch in Deutschland ist die Ausbildung anerkannt. Die Carl-Duisberg
Gesellschaft mit Sitz in Köln vergibt Stipendien für Tainingsaufenthalte
zur berufsspezifischen Weiterbildung, wenn die entsprechenden Voraussetzungen
erfüllt werden.
Die Elemente des Life Art
Process
1. Das Bewegungsritual
"Bewegungsritual" ist vor allem in Tänzerkreisen, das Stichwort,
das zum Namen Anna Halprin einfällt. Für das Training ihrer
TänzerInnen wurde das Bewegungsritual auch ursprünglich entwickelt.
Aus der Zusammenarbeit und persönlichen Begegnung mit Körper-
und Bewegungstherapeuten wie u.a. Feldenkrais (Bewußtheit durch
Bewegung) entstand diese Bewegungsabfolge am Boden. Im "Life Art
Process" dient sie als aktiver Zugang zum Erspüren des Körpers
in seinen Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten: Die Wahrnehmungsfähigkeit
für den Körper und seine Beweglichkeit werden geschult und differenziert,
Spannungen können sich lösen und das Bewegungsvokabular erweitert
sich. Anna Halprin sieht die Abfolge nicht als starre Form, sondern als
grundlegendes Bewegungsprinzip, das kreativ verändert und als Ausgangspunkt
für freiere Improvisation genutzt werden kann. Wird die Kraft, der
Rhythmus oder die Grösse einer Bewegung verändert, können
auch neue Emotionen, Erinnerungen und Gedanken auftauchen. Das subjektive
Erleben einer Bewegung ist so unterschiedlich wie die Leute, die sie ausführen.
Das Bewegungsritual ist absichtlich kurz und einfach gehalten, damit es
regelmäßig durchgeführt werden kann. Anna Halprin, die
es bis in ihr hohes Alter immer noch praktiziert:"Es dient mir als
Form der Meditation, um mit mir in Kontakt zu kommen sowohl emotional
als auch körperlich und um Verletzungen zu heilen. (Anna Halprin,
Movement Ritual, Tamalpa Institute/Dancer´s Workshop,4th printing
1990)
2. Der Psychokinetische Imaginations Prozess (PKIP)
Der"Psycho Kinetic Imagery Process" (PKIP) ist der Prozess,
in dem die Arbeit mit den drei Wahrnehmungsebenen (physisch, emotional,
mental) und die Arbeit mit den verschiedenen kreativen Ausdrucksmitteln
(Tanzen, Bewegen, Malen, kreatives Schreiben) ineinander greift.
Im unbewußten schlummernde Potentiale können sich erschließen,
die über "Denken" und "Reden" nicht erreichbar
wären.
- Die Weisheit der Bilder -
Es geht darum, die Unbekümmertheit und Spontanität, mit der
sich Kinder im Tanz und im Malen ausdrücken wieder zu entdecken.
Das Malen erweitert den Erfahrungsraum des Tanzes, der die Flüchtigkeit
der Bewegung mit Farben und Symbole einfängt. Es wird ein Raum erschlossen,
der mit Sprache nicht erreicht werden kann, denn es ist nicht immer möglich
zu benennen, was wir empfinden, wo diese Gefühle herkommen oder wie
sie in unser Leben integriert werden können. Die Bilder, die vor
dem inneren Auge als Antwort auf Bewegung und Gefühl entstehen, werden
gemalt. Die im Tanz erlebten Erfahrungen werden also nicht verbal analysiert
und interpretiert, sondern das Wissen des Körpers findet seine eigene
Sprache in dem Ausdruck des gemalten Bildes. Der Körper ist es auch,
der in umgekehrter Richtung die Botschaften des Bildes im Tanz erfährt.
- Bilder in Bewegung umsetzen
Im "Psychokinetischen Imaginations Prozess" werden die Symbole
in einem Bild nicht interpretiert, sondern wiederum im Tanz erlebt. Der
Tanzende überlässt sich der Sprache des Bildes: Wie und wo im
Körper werde ich von den Farben bewegt, wohin im Raum führt
mich die geschwungene Linie? Die verborgenen Botschaften des Bildes können
mit allen Sinnen jenseits von Worten entschlüsselt werden.
- Kreatives
Schreiben
Gedichte, Dialoge, Geschichten konkretisieren die Bedeutung der
Erfahrung. Obschon auch hier die Botschaft noch in erstaunlichen Sätzen
oder überraschenden Geschichten versteckt sein kann, erleichtert
der Text oder Satz die bewußte Reflexion des kreativen Prozessen
und damit die Integration der Erfahrung. Neue Handlungsmöglichkeiten
können erkannt werden für einen kreativen Umgang mit den Herausforderungen
des täglichen Lebens.
3. Bodymythology
Das Herzstück der Ausbildung am Tamalpa-Institut ist das Wintertraining
"Bodymythology", das Anna Halprin aus dem Erlebnis ihrer "Selbstportrait-Ritual-Performance"
entwickelte.
Die Entdeckungsreise durch den Körper dauert sieben Wochen. In konsequenter
Anwendung des "Life Art Process" werden die einzelnen Körperbereiche
(Kopf, Arme, Becken...)jeweils eine Woche auf drei Wahrnehmungsebenen
erlebt und die emotionalen Erfahrungen und mentalen Assoziationen im Tanz,
Bild, Text gestaltet. Die Teilnehmer identifizieren Lebensthemen, die
mit den einzelnen Körperteilen assoziiert werden. Am Ende dieser
Forschungsreise malen sie ein Selbstbild und entwickeln ihre "Ritual
Performance" zu einem Thema, das sich während der Arbeit für
sie herauskristallisiert hat.
- Der Körper weiss
Diese Arbeit basiert auf der Annahme, dass Lebensereignisse Eindrücke
hinterlassen, die im Körper gespeichert werden. Bleiben sie unbewusst,
kann dies zu Unausgeglichenheit und Konflikten führen. Wenn sie erforscht,
bewusst und kreativ ausgedrückt werden, kann die Verbindung zwischen
Körper, Geist und Gefühlen einen lebendigen Beitrag zur persönlichen
Entwicklung ("artful development of self") leisten, die Tür
für eine weitere Ebene, die der Spiritualität, kann sich öffnen.
"Erst jetzt bin ich bereit zu akzeptieren, dass es eine spirituelle
Ebene gibt. Früher glaubte ich nur an das, was `real` ist. Doch alles
ist verbunden. Die Arbeit mit der Natur ist mir wichtig, denn draussen
merke ich, wie ich Teil eines grossen Zyklus bin. Da bereite ich mich
auf meinen letzten Moment vor."(Anna Halprin, in: Spuren:"Tanz
durchs Leben", Anna Halprin im Gespräch mit Eva Hurley)
4. Tanz in der Natur:
Diese Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur transformierenden Kraft
des "Life Art Process".
Aus der Beschäftigung mit dem jeweiligen Element (Holz, Stein/Fels,
Sand, Meer, Wind) oder gewählten Ort mit allen fünf Sinnen (Sehen,
Hören, Fühlen, Schmecken, Kinästhetik) entstehen Naturtänze
("Environmental Dance"). Die Begegnung mit der Natur kann ungeahnte
Potentiale und Erkenntnisse wecken z.B. das Erkennen der eigenen Stärke,
Zartheit, Verletzlichkeit, Beständigkeit und Freiheit. Die eigenen
Lebensthemen können in einem grösseren, universellen Zusammenhang
erlebt werden.
Kollektive Kreativität
Dem individuellen Aspekt des "Life Art Process" steht der kollektive
Gestaltungsprozess gegenüber. Zusammen mit ihrem Mann entwickelte
Anna Halprin das Arbeitsmodell der kollektiven Kreativität in vier
Stufen, the RSVP-Cycles (Resource, Score, Valuaction, Performance),creative
Processes in the Human Environment, dass die Mitbestimmung des einzelnen
in Arbeit und Leben zum Ziel hat. Diese Arbeitsweise wurde zur Grundlage
für grosse Tanzperformances, die mit den kreativen Resourcen von
über 100 Teilnehmern gestaltet wurden und Anna Halprin international
bekannt machten.
San Francisco tanzt
Eines ihrer verrücktesten Projekte, wie sie selbst sagt, war der
von ihr 1977 veranstaltete City Dance. Gewalt in der Stadt - der Mord
am Bürgermeister von San Francisco - waren der Anlass, den Tanz für
gesellschaftliche Veränderung zu nutzen. Gemeinsam der Krise zu begegnen
und gemeinsam einen Tanz (ein neues Ritual) und die Vision einer neuen
Art des Zusammenlebens zu schaffen; z.B. die Strasse als Ort der Begegnung
wieder zurückerobern.
In verschiedenen workshops wurde dieses Ereignis über neun Monate
vorbereitet, Menschen jeden Alters und aus allen Bereichen der Gesellschaft
nahmen daran teil. Am Tag X wartete tatsächlich schon bei Sonnenaufgang
auf Twin Peaks eine Menschenmenge. Der Tanz durch die Stadt mit Performances
an verschiedenen Plätzen hatte begonnen und riß immer mehr
Menschen in seinen freudigen Bann.
Als ich von diesem Ereignis das erste Mal hörte auf einem Workshop
in Freiburg, wo ich Anna Halprin kennengelernt habe, war ich sofort fasziniert
von dieser Idee, und die Vision begann sich zu formen, auch Freiburg,
einmal auf ähnliche Weise in Bewegung zu bringen. Die begeisterte
Teilnahme von über 50 Leuten am Earth Run- Friedensritual zu Mittsommernacht
2000 war ein erster Schritt in diese Richtung.
Earth
Run - Tanzritual für den Frieden
Anna Halprin bezieht sich in ihrer Arbeit mit Tanz als Ritual auf eine
lange Tradition, die allerdings im westlichen Zivilisationsprozess verloren
gegangen ist. Im Gegensatz zum Tanzen einer Choreographie, bedeutet die
gemeinsame Ausübung eines Tanzrituals, dass man eine gemeinsame Intention
hat (z.B. Weltfrieden), die man auch im Alltag weiter verfolgen will.
Der Earth Run ist ein Ritual für den Frieden, dass Anna Halprin vor
über 20 Jahren wieder aus einem sehr konkreten Anlass gemeinsam mit
Freunden und Nachbarn in Workshops und mit Beratung befreundeter Indianer
entwickelte. Der für Die Indianer heilige Berg Mount Tamalpais, an
dessen Hang sie lebten, war für die Öffentlichkeit gesperrt
worden, nachdem bereits mehrere Frauen einem Serienmörder zum Opfer
gefallen waren. Ob Zufall oder nicht: Zwei Wochen nach dem Ritual wurde
der Mörder tatsächlich gefaßt. Das Ritual ist im Aufbau
und der Bewegung so einfach, dass jeder Mensch daran teilnehmen kann.
Am Mount Tamalpais wird es nun seit über 20 Jahren durchgeführt.
Im "Circle the earth"- Projekt Mitte der achtziger war der Earth
Run Teil einer großen Performance, die in verschiedenen Ländern,
fast aller Kontinente mit der entsprechenden Zeitverschiebung um die Welt
lief. Heute wird in vielen Ländern, meist an Ostern, der "Earth
Run" durchgeführt. Neue Rituale zu entwickeln, bietet die Möglichkeit
in dieser Zeit der Zerissenheit und der Individualisierung, die Gesellschaft
zu verbinden, zu erneuern und zu verändern, zu transformieren.
Bewegung hat eine Kraft, die nur wenige in unserer westlichen Welt wirklich
erlebt haben. "Allein der Tanz hat sie Kraft die Verfremdung in unserer
Kultur zu heilen." (Anna Halprin)
Voll das Leben
Die Halprin Methode "Life Art Process" ist ein ganzheitlicher
Ansatz. Mit der Verknüpfung verschiedener künstlerischer Ausdrucksmittel
wird ein Zugang zur Weisheit des Körpers geschaffen. Sie ist sowohl
für künstlerische als auch therapeutische, pädagogische,
ja sogar gesellschaftspolitische Arbeit eine Inspiration und Bereicherung.
"Dieser Prozess fordert uns heraus, das
Leben in seiner ganzen Fülle zugeniessen" (Daria Halprin).
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